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Gänsekrieg, eine Betrachtung in Küchenlatein Hans-Werner Bott Geht mir das Gedicht verloren oder gehen mir die Dinge verloren, die ins Gedicht kommen (im Sinne von Suppentopf) oder die aus dem Gedicht fliegen, wenn der Küchentisch –also die Werkbank – das Gedicht ist? Was braucht die Poetische Existenz – einmal angenommen der Leichtsinn wäre vorhanden eine solche zu führen, einmal angenommen, so eine Existenz ließe sich behaupten gegen alle Widerwärtigkeiten - soll sich also niemand fürchten vor diesem Begriff- ? Sie braucht Bilder, Material, Wirklichkeit. Ich will mit einem simplen Thema und einem auch als dumme Gans bekannten Vogel auf die Fragestellung eingehen. Bin selber dumm bei so was Geringem anzufangen. Weiß Gott gibt’s größere Dinge, die von Belang sind, wenn’s um die Existenz geht und gar die poetische. Aber sei´s drum, warum soll ich nicht da anfangen, wo mich was aufregt? Ein Leserbrief hätte vielleicht gereicht. Der Leserbrief hat seinen Platz. Mit meiner globalen Frage muß ich aber über diesen Platzhalter hinaus: Was wird mit der Welt, wenn so ein Tierdings fehlt wie die Gans, weil sie weggeschrieben, weggedacht, um die Ecke gebracht, ein für allemal aus dem Bräter gelupft ist? Ja, gibt´s denn da einen headhunter? Von wem wird das Tierdings schreibend um die Ecke gebracht? Erledigt sich das nicht durch Platzmangel, Produktionsfragen? Wer ist der Wegbereiter dieses Verlustes? Ist es denn einer? O ja, das ist der Siebeck, ein Gourmet, dem die Gans zu ordinär ist im Geschmack! Und nicht nur das. Dem die Sitte der Menschen, das Verspeisen des Vogels als Weihnachtsvogel zu derb, zu dumm ist, das Federvieh zu fett und das Drumherum von Kloß und Kohl zu peinlich. Einer, der sich schämt für Volk und Volkes-Speise. Der sich denkt: merkt ihr denn nicht, dass es nicht mehr kalt ist im Land und wir die feste wärmende Speise nicht mehr brauchen, dass uns längst die Mode verpflichtet Leichtes aus dem Bambuswald zu holen und Schweres nicht aus dem Tannenwald! modisch: Drücke Delete auf der Gänsetaste!
Was wird mit unserer Sprache, wenn solcherart im globalen Akt die Gans von der Zunge gestrichen wird? Wenn ein Landstrich nicht mehr zu spüren ist auf der Zunge, der dunkel ist steinig, grün, nass und mitunter (noch) von einer weißen Schneekruste bedeckt und tief gefroren ist? Ist Siebeck tatsächlich ein Serientäter, der mit dem Labtop, mit dem Griffel, mit dem Kiel, mit dem Gänsekiel unsere weiße Schnattergans mordet?? Dass sie nicht mehr welk und tot mit baumelndem Hals in der Schürze der Großmutter ruht, um gerupft zu werden -oder -zeitgemäßer, denn diese Oma gibt’s nicht mehr -nicht mehr sauber aufgereiht vom Förderhaken hängend übers Messer rutscht? Zum Martinstag und zu Weihnachten. Sonst dem Vergessen anheim gegeben. Als Graugans zuletzt mit Konrad Lorenz wertgeschätzt. Als Wildgans zu Hause in schwindenden Reservaten. Wo sind die Gänsekiele am Himmel? Halt, hier herrscht eine Gemengelage. Bin ich es, der fern ist von all dem Getier in Haus- und Wildform und deshalb Beschwerde führt? Etwa so: Ein Monstrum, wem die Mixtur der global-modernen Küche ein Maßstab ist für ihre Verfeinerung. Die ihr Material nimmt von einem matten in Fabrikhallen designten Federvieh und wegdenkt, wegrationalisiert die idyllische ökologisch beruhigte polnisch - pommersche Gänseweide! Ein Imperialist der gar nicht mehr so positiv gedachten Globa-lisierung, der Zuchtbecken statt Meere, Farmfabriken statt Bauernhöfen fordert, Nestle-länder und Macdonalds-Kontinente, geklontes Unvieh statt gewachsener Viecher, aufgeschwemmte Chemopaste statt satter Erde? Und ich, der wettert, bin ich vielleicht ein nationalistischer Tollpatsch, eine verquaste Religionstype, ein mythomanischer Bubble-greis, ein verstockter 68iger, der aus dem Nachhall konradschen Flügelschlags, eine Stimme basteln will? Dem die Katastrophe eines ungefähren Verlustes im Gebälk nistet?! Um was denn? Ja, lass doch den Flügelschlag still sein und fern. Ist doch genug der Gans! Lass sie doch im Haiku wohnen! Noch ist die Gans drin im Materialreservoir der Welt, wenn auch schon vermehrt als Erinnerungsposten: wer boomt im Kitsche, der ist bald weg vom Fenster. Nippes und Gimmik ist die Gans: als Aschenbecher auf dem Fenstersims, als Bassinhüterin in den Wellness-bereichen unserer Poollandschaften, durchaus auch schon mal auf dem Golfplatz als grasende Restnatur, die mit gestrecktem Hals zur Attacke gegen Golfbälle galoppiert, -nicht mehr lange, denn schon machen sich Bürgerinitiativen gegen Verschmutzung der Golfwiesen breit. Noch gibt es sie als Privatzüchtung in Verschlägen und merkwürdigen Gattern in Hintergärten hausend und von solchen Seitenstraßen ihren Weg nehmend in den Martinstopf, selten als Herde auf matschiger Wiese in der Martinsgänsefabrik. Oder es gibt sie als hyperreale Gipserinnerung in Vorgärten olle Märchenbilder verkitschend, als die Goldene Gans im Kneipenschild, als doofer Vetter im Cartoon, als Brunnengestalt empfindelnd auf Grimm-schen Touristenstraßen. Geschnatter, interessant über das Zwergige dieser Gänseerinnerung auf die Welt zu gucken. Erinnern Sie in Ihrer Bekanntschaft Gänse? Fromme, Freche, Tüchtige? Weibliche, Männliche? Gänselieselbrunnengänse, Hörsaal-gänseriche, Kaffeehausgänse, Discothekengänse? Ist eine da, die fest ist wie eine Gans und schnatterhaft fröhlich und weiß und blühend, lebhaft, stürmisch? Und kräftig. Und stolz darauf? Die Gotinnen im Kampf um Troja habe ich mir immer als stolze Gänse vorgestellt und Wittigunde, die Gottenbraut, das war ein echter Name für eine Gans. Insgesamt ist dieser doch recht häufige Frauentyp mit der Werbung weggedacht worden (zugunsten von dreibrüstigen, halbwilden Fantasiefiguren). Werden die Tigerinnen, Löwinnen unter den Vergleichen, Bären und einsame Wölfe, ebenfalls rar?. Die Gans ist nicht unbedingt etwas, was wir uns genetisch reservierten für eine Weltraumarche. Gerne entdecken wir das Tier am Menschen oder den Menschen mit dem Tier, sind wir uns des Tierischen bewusst, sind wir familiär mit dem Säugetier oder gilt hier längst die Vergangenheitsform: waren wir familiär? Wie soll das sein ohne Vorbilder? Sind uns da Roboter lieber, Mutanten, Replikanten und all die andern technoiden Ersatzteil-Abziehbilder. Hat es unser Mitgefühl das kleine geile künstliche Schweinchen? Diese Dolly? Wie waren wir schicksalhaft verschlungen mit dem Tier! Dieser schöne Frauenwahn, Federvieh füttern im Park, einen Flügel nähen aus Brennnesseln. Frau Beate von Pückler, die die BUNTE als Extrovertiert vorstellt, weil sie sich in Andalusien ein Paar schneeweiße Gänse hält. Very Exotic, berichtete das TV. Die Daunendecke, aus der weiche kleine Gänsefeder über den Bildschirm rieseln. Der Siebeck macht mich kiebig, mir schwant, er hat recht. Was zählt ist das modisch-drollige, das (erstunken und erlogene) Abwechslungsreiche. Sollte der Vogel tatsächlich nur mit Mühe schmecken - ich denke an das trockene Gänsebrüstchen in Ingwergelee und marzipanierte Morellen, das mir per Fein-schmeckerversand ins Haus kam - was sollte sein Verschwinden hindern? Ich befrage die Kunst. Wer malte die Gans? Riopelle tat´s . „Oie" 130 000 Dollar in Öl, 75x105cm. Oder Louis Boudreault „Conversations en foret". Zwei Hausgänse, die vom Wald träumen. Ja, sogar das materielle sehr naturalistisch ausgeführte Nest in der linken Bildhälfte ist reine Metaphysik, sagt der Kunstkritiker. Also ist rein metaphysisch der Gänserest auf der Welt was wert? Ist der Wald was wert? Ist er das? Löst sich das tief Verankerte mit dem Verschwinden des Dings aus der Sprache? Oder hält es sich als Bild? Hier zwischendrin zur Erprobung ein Gedicht von Heiner Müller mit einem andern Topos, dem Wald (wenn Gänse schon davon träumen) Gute Gelegenheit ein geliebtes Gedicht zu bringen. Und wenn der Wald uns was wert ist als Bild, ist dann die Gans als Bild gerettet? Traumwald Heut nacht durchschritt ich einen Wald im Traum Er war voll Grauen Nach dem Alphabet Mit leeren Augen die kein Blick versteht Standen die Tiere zwischen Baum und Baum Vom Frost in Stein gehaun Aus dem Spalier Der Fichten mir entgegen durch den Schnee Trat klirrend träum ich seh ich was ich seh Ein Kind in Rüstung Harnisch und Visier Im Arm die Lanze Deren Spitze blinkt Im Fichtendunkel das die Sonne trinkt Die letzte Tagesspur ein goldner Strich Hinterm dem Traumwald der zum Sterben winkt Und in dem Lidschlag zwischen Stoß und Stich Sah mein Gesicht mich an: das Kind war ich
Ich liebe dieses Gedicht. Soll einer sagen die deutsche Waldtümelei sei rührsinnig oder sonstwas. Übrigens Tiere kommen auch drin vor in diesem Gedicht. Sie blicken in der Weise, mit der wir nach ihnen schauen. Wald und Ritter, emblematisch. Und so die Gans, am Brunnen, mit der Liesel, im Wirtshausschild "Zur Goldenen Gans", auf einem Hotelteich. Emblematik: in der oben erwähnten Malerei als die zwei Philosophen auf dem Weg in den Wald watschelnd Holzwege suchen. Emblematisch: die gestärkte Hemdbrust, das geblähte Weiß, das an die Brust eines kräftigen, stolzen Gänserichs erinnert. Vergleiche: wie der Gänserich den Hof verteidigt im gestreckten Galopp. Hals und Schnabel gereckt zum Degen, gereckt zum Hieb. Die Narretei und Angeberei dieser Angriffe, die Gänse sogar gegen Heuwagen ins Feld führen. Wie die Angeberei, die an den Experten sichtbar wird, die Fachwissen aufblähen und mit dem Fachwissen als gerecktem Hals-Säbel nach der Gänseriche Manier blindwütig in einen Heuhaufen der Zusammenhänge stossen. Heute lese ich nach Monaten wieder einmal den Siebeck in der ZEIT, zum richtigen Zeitpunkt: denn gerade in seinem Artikel über einen deutschen Drei-Sterne Koch in einem Waldhotel, bekennt wie ihn dieses sogenannte Ur-Deutsche befremdet. Siebeck ist um die Siebzig, drüber nehm´ich an, d.h. der Generation entstammend, die als Kinder mit Blut -und Boden Mythen misshandelt wurde. Da kann ich mir vorstellen, welchen Schaden seine Vorstellung genommen hat. Der Wald ist ihm diffamiert als ein solcher Blut- und Bodenwald. Ja, würde er weiterlesen, läse er den Heiner Müller so wie er oben zitiert steht oder vielleicht einen jüngeren Zeitgenossen, den Dieter M. Gräf, die würden ihn die Sprache, das Ding und den Ort schmecken lehren. Riechend und schnuppernd ginge er umher in unserem Land und haute aus reiner Begeisterung wieder einmal eine Gans in die Pfanne. Und dieses Rumschäkern mit der Toskana hätte einen andern Drall. Ist halt eine andere Schönheit dort, ein anderer Wald, ein anderer Hof, ein anderes Kochen. Doch nicht unbedingt Markenzeichen für mehr Qualität! So erscheint das Modisch-Sein-Müssen wie ein Vergessen-Wollen. Doch: Das Modische erscheint mir durchaus auch als Experimentierendes. In Entwürfen fürs Nahrungsdesign bspw. kommt auch die reine Lust durch und letztlich: ist doch grausam, alles fressen zu wollen, was kriecht oder fliegt, schwimmt usw., weiß ich. Ist durchaus denkbar, dass uns feine Pasten genügen oder raffinierte Öle. Was sonst taugt Gans, wenn sie nicht allein zur Sprache taugen soll? Das heißt: wenn sie als Naturdings nicht mehr wichtig ist. Sei es die Hausgans oder die Wildgans. Wild, braun gesprenkelt oder weiß wie Damast. Ich treib mich durch die Welt. Was bin ich froh, wenn ich über irgendeinem Tümpel mal so ein Vieh schreien höre. Ich schaue fern. Stimmt, ich hab´s gesehen: Gerd Ruge treibt ganze Gänseherden vor sich her im ländlichen China und der wilde afghanische Warlord hält usbekische Milizen sich und schnäbelnde Gänse (Stern, vom 8.11.01). Immerzu lese ich. Die Jahrhunderte mischen sich bunt bei den frisch eintreffenden Gänse-nachrichten: Frau von Arnim erhält neben drei Rehschultern zwei gespickte Gänse und der Dorfrichter Adam pommersche Räucher-gänse zugestellt. Gut geräuchert: Ein dauerhaftes Fleisch das Gänsefleisch.
Wir selbst – als Tiere – halten unser Fleisch nur schwerlich lange in der Welt. Von giftigen Gedanken befallen, fault es schnell –wenn es nicht einfach hingerichtet wird. Denken Sie an die merkwürdigen Krankheiten, mit denen die US-Amerikanischen Soldaten den Irak verließen. Zeitungsmeldung: „Während die USA 12% sämtlicher Golfkriegsveteranen als GWS – Opfer anerkannten, waren es in Kanada 1,9 Prozent. „Resistent" gegen die Krankheit erwiesen sich Franzosen, Israelische (die von irakischen Raketen beschossen wurden) sowie saudi-arabische und kuwaitische Truppen. Für GWS besonders disponiert war offenbar, wer amerikanisches Englisch spricht und die dortigen Medien konsumiert" Es ist nicht wichtig zu wissen, was GWS ist. Es gibt es nicht. Wenn die Pest nicht virtuell bleibt, herrscht Barbarei. Würde Antonin Artaud sagen. Damit ließe sich sagen, dass die Soldaten schon erkrankt waren, als sie in den Krieg zogen, dass ein kulturell herbeigeredetes Verschwinden von Fleisch, von Ich, von Person sie vorher befallen hatte. Übrigens: Herbeireden und „Wilde Gänse Jagen" und damit komme ich langsam zum Thema: Wildes Fleisch: Davon hörte ich in einem Film von Solveig Anspach die Akteure sagen. Der Haupt-akteuer, Student, beschrieb so die Tätigkeit seiner Studienrichtung. Romanist war er. Literaturforscher. Also ein Idiom für das Suchen nach den Worten? Wild aufflatternd sind die. Schwer ihrer habhaft zu werden. Nach dem Wesen der Worte, nach ihrem Wirken suchend, so erschien mir dieser Held, deshalb war er aber auch wahllos und unnütz. Ein Idiom, das wohl den Deal mit Worten meint? Nicht einfach zu fangen Gänse, wenn man´s zu Fuß mit dem Netz oder der Schleuder versucht. Von den groben Sprachen der Jäger soll nicht die Rede sein. Das sind Tricks, mit denen keiner die Schönheit von Sprache und Ereignissen fängt. Erwiesenermaßen sind solche echte Fänger zu Fuß unterwegs. Die Beweise treten an: Hans im Glück, Bruder Lustig, der Taugenichts, der Schulmeister Wuz.... um einige zu nennen. Das kann natürlich Bedarfsschreibe nicht decken. Vogel und Erde in der Tasche. Das ist das rechte Rüstzeug. Also eine mehr oder weniger närrische Figur. Ein fahrender Koch-Journalist, wenn er ein gut bestallter ist, kann sich Narretei nicht leisten und ist obendrein schon zu satt, um interessantes Wild aufzutreiben und sich Erde in die Tasche zu stecken. (In Schottland, als er den Haggis suchte, den schottischen Presssack, da war´s ihm gelungen.) Läuft sein Geschäft vielleicht auf das Geschäft mit den Nahrungsmitteldesignern hinaus? Das färbt ab auf die Sprache. Solche Sprache verliert die Dinge, die sie einkleiden soll. Wild Goose Chase heißt wohl soviel wie „vergebliche Mühe" oder „fruchtlose Suche". Mit den Gänsen reisen, unstet sein wie eine wilde Gans, setzt frei, dass das Suchen selbst wie die Bewegung der Wilden Gans sei. "Ah, you are off on a wild goose chase?" Ja, allerdings. Heute nacht, da ich schlaflos in einem Hotel in der Lobby saß, erlebte ich eine Zigeunergruppe. Die hatten Familientreffen, Clantreffen oder Wallfahrt war wohl der Grund. Solch geheimnisvolles wie es Zigeuner an sich haben und worüber sie nicht so gerne sprechen. Wie sie auch über ihre Sprache nicht gerne sprechen. Denn nur so haben sie sich erhalten.Sind funkelnd schwarz und dunkel geblieben. (Schon wieder überholt: der domestizierte Zigeuner heißt Roma, hält Kulturtage ab und bietet Sprachkurse an) Bis um Fünf in der Früh erlebte ich wie die Jungen schlaflos sich abwechselnd in der Sauna ergingen und an der Internet-Säule. Und das, obwohl der Clanchef wohl Prediger war und die Jungen eine Heidenangst hatten, erwischt zu werden bei ihren unreinen Gelüsten, denn sie schlugen nichts anderes als www.sex.de auf. Die Gruppe Jungs in ihren schwarzen steifen Anzügen stritten den Mädchen den Schlüssel für die Sauna ab. Von da ab hingen Hemd und Schlips über die Hose, zuvor liefen sie zugeknöpft in ihrer steifen Festtagspracht. Die Mädels waren angeschmiert und mussten stundenlang warten (bis halbvier, bis sie in die Sauna konnten) Ab und an sprachen sie mich an, damit ich ihnen helfe, etwas aus dem Wellnessbereich zu lotsen, als Bote. Dabei sich immer hütend vor eventueller Nacktheit. Spröde und Wild. Ich blieb hypnotisiert in der Lobby sitzen. Die Alten sah man nicht mehr, bis auf den Chef. Ein altes, welkes Männchen, steif, förmlich gekleidet. Alt genug, um als Kind das KZ kennen gelernt zu haben. Die Mädchen, wunderbare Geschöpfe, Stars der Manege, der eine Teil mit hellem Henna im Haar rank und schlank, der andere Teil früh vervettelt, Kettenraucherin mit 15, dick, gemütlich, gesprächig und eine dünne 12 Jahre alt, die hüpfte und schwirrte zwischen den weit auseinanderliegenden Zimmern und dem Badebetrieb im Keller hin und her. Eine Schar wilder Gänse. Ein Völkchen, das sie vergessen haben, nicht erwischt, nicht eingesperrt, nicht umgebracht haben. Das die Chuzpe besaß, die eigenen Sitten zu behalten und fremd zu bleiben. Mehrsprachig. Wilde Gänse - Wild Turkey . Nils Holgersons Ritt auf wildem Entzug? Zu jeder Hausgans gehört eine Wilde. Ist die Verteilung so in der Welt.? Oder ist es bloß das Symbol, daß an jeder Hausgans-Seele eine Wilde klebt? Das Entzugs-Fleisch. Eine Initiation ist das, ein Entzugs-Fleisch. Die Pein am jungen Leib. Den künstlich geschmerzten. Ist mit Wild Turkey das Flattern des geköpften Truthahns gemeint? Der erregende Schmerz. Die zuckenden Nervenknollen. Hei, Gänseritt, reit' das Traditionelle mit, reit es raus und reit es rein.
Schlußbildrezept:
Sodann die aus dem Boden gehobene Gans aus der Lehmpackung, worin sie an Ingwerknollen reifte, schälen und mit Kastanien füllen, mit Zitronenblättern beschichten und wieder in ein Erdloch geben (oder ersatzweise: Römertopf) und Glut darauf geben und verschließen und mit Blättern bepacken und mit Erde verschließen und so im Meiler garen.
Mein Rezept für einen Gänsebraten heißt:
Köhler´s Garaus.
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