Stillstand in Otzenrath


Inge Broska

 

Stillstand kann auch gleichzeitig Wildheit bedeuten. Denn... wo nichts mehr geregelt bzw. reglementiert wird- wird es oft wild. Es kann etwas wachsen, was es vorher nicht gab.

Negativ oder positiv- je nach dem.

Ich lebe in einem Stillstand-Dorf. Leider ist es nicht der Bagger, der stillsteht, der kommt mit Riesenschritten auf uns zu. Bei uns wird kaum noch was verändert bzw. geregelt, was das Gemeinschaftleben betrifft. Alles konzentriert sich auf das neue Retortendorf, welches 3 km von hier entsteht. Ein wenig urbaner wildwachsender großer Steinhaufen wie eine große Fußgängerzone, mitten im Feld. Immer mehr Menschen verlassen das alte Dorf. Bald gibt es garnichts mehr zu kaufen. Der letzte Metzger -es gab mal 4- hat am Jahresende dicht gemacht. Das Schwätzchen vor der Haustür oder hinterm Gartenzaun gehört bald der Vergangenheit an, Niedergang eines ca. 2000 Jahre alten Dorfes mit historischen Kulturdenkmälern.

Urbanität, Lebendigkeit, Originalität, Vertrautes wird durch pflegeleichtes, butzen-bescheibtes, löwenkopfverziertes "entschädigt". Mit Geld kann man alles kaufen, inclusive Trauer. Da greift kein Denkmalschutz. Hier greift nur der Bagger. Für die meisten Dorfbewohner war 2001 das letzte Weihnachten und Sylvester im alten Dorf. Beim Sylvesterknallen taten sich große schwarze Lücken auf. Die noch Verbliebenen schmückten und knallten um so heftiger. Die Jugendlichen des Dorfes haben keinen Ort mehr, an dem sie sich treffen können. Im Winter hocken sie auf kalten Bänken vor leeren Häusern, zusammengerückt in Decken gehüllt, von verbliebenen Spießern mißtrauisch beäugt. Es gäbe genug leere Häuser, in denen sie es sich mit von der Rheinbraun bereits bezahltem Restöl in den Tanks gemütlich machen könnten. Dafür ist kein Haushaltsposten mehr vorgesehen. Sobald es wärmer wird, geht allerdings auf den halbleeren Straßen die Post ab. Da kann man prima skaten...Ein wildes Treiben.

Wo leere einstmals sorgsam gepflegte Häuser verotten und Vor-und Hausgärten verwildern ziehen, Tiere und Pflanzen ein. Birken wachsen in Badezimmern, Mäuse und Ratten spielen in Küchen und Wohnräumen, wie die verlassenen Katzen, die sich ebenfalls wild vermehren. Für "Romantik" sorgt schnellwachsendes Efeu. Abends bleiben immer mehr Fenster dunkel. Eher unheimlich als romantisch. Bratenduft von Gans, Ente, Huhn, Schwein und dem dazugehörigen Gemüse wie Fitschebohnen und Sauerkraut, Hefeknödel.....wird -je nach dem, wie der Wind steht- durch den Geruch von verbrannter Kohle ersetzt. "Kalte Platte" beherrscht das Bild.

Von der Werbung werden wir jedoch keineswegs vergessen. Noch nie hatten wir soviel Reklame von Lebensmittelprospekten im Briefkasten. Aldi, Rewe, Plus, die große Familie von Wal Mart sind immer noch auf unsere Kröten scharf. Selbst aus verstaubten Briefkästen, die niemand mehr von innen leeren wird, strecken uns Fleischprospekte die Zunge heraus. Früher haben die Gänse aufgepaßt- heute die Polizei. Sparkasse und Kiosk wurden ausgeraubt. Die Polizei paßt auch auf, ob jemand aus den verlassenen Häusern etwas abschraubt mitnimmt, oder zerstört. Letzteres darf nur der Bagger. Der rückt immer näher.

Längst steht fest, daß der Tagebau überflüssig geworden ist und keine neuen Arbeitsplätze durch ihn geschaffen werden. Ganz abgesehen von der Vernichtung unwiderbringlicher Kultur und Natur. Trotzdem hört die Zerstörung nicht auf, gegen alle Vernunft. Da muß immer noch für einige viel Geld zu verdienen sein.