Learning by watching


Beate Ronig

Gestern Abend. Ich hatte aussetzende Pulsfrequenzen. War grässlich. Ich dachte, daß ich sterben müßte. In ca.7 Stunden. Vereinfacht wurde mir dieses verlöschende Lebensgefühl , der damit verbundene Abschiedsschmerz, das Aufgeben des eigenen Seins, das Verlassen des Körpers, die Aussicht auf Zerfall und gleichzeitige Unendlichkeit, durch den Umstand, das ich einen Teil des Abends in einem Aufenthaltsraum einer psychiatrischen Klinik verbrachte. Entgiftungsstation.

Alkohol und Drogen. Ich besuchte dort einen absoluten Loser, einen Verlierer, ausgebrannt bis zum Hirntod, der dort in stationärer Unterbringung abwesend meine monatliche Wohnungsmiete sichert. Er ist mein Untermieter. Aber nur noch so lange, bis er wieder aus der Klinik entlassen wird. Was er nicht weiß. Das dient seiner Stabilisierung. Die Aussicht auf ein Leben danach. Zusammen mit mir. Damit er eine Motivation hat, in der Klinik zu bleiben und auf Alkohol und Drogen zu verzichten.. 

Die Aussicht auf Obdachlosigkeit würde ihn direkt in die Gosse treiben. Zu meiner Entschuldigung. Ich denke dabei natürlich auch an mich. Die horrende Wohnungsmiete zwingt mich zu derartigen Praktiken. Ich mußte ihn nun besuchen, um ihm einige Dinge auszuhändigen. Er saß da im Aufenthaltsraum und ich fand ihn einfach nur grässlich. Sein Gesicht war himbeerrot verfärbt und er trug ein Michael Jackson-T-Shirt am geschwollenen Leib. Als ich ihn kennenlernte, war er von filigraner Schönheit. Jetzt sieht er aus wie fast jeder Trinker. Aufgedunsen und verfärbt. Wie eine Feuerwasserleiche. 

Der Aufenthaltsraum war nikotingelb,vollbesetzt mit Patienten, die alle qualmten wie hochaktive Schornsteine, . . . und unsäglich trist. Eine Tristesse, die sofort in mein Hirn einzog, dort jede Zelle besetzte und kein morgen kennt. Zuerst hielt ich eisige Distanz zu jeder Person im Raum, man sitzt sehr dicht beieinander, nach einer Tasse Tee brach dann mein angeborener Kommunikationstrieb durch wie ein reifes Geschwür, und ich begann, Anteil zu nehmen. Ich erfuhr, wodurch, bzw. durch welche diverse Alkoholsorten unterschiedliche technische Geräte , wie z.B. Fernbedienungen und Tastaturen, ausser Betrieb gesetzt wurden. Fand ich total uninteressant. 

Ich ließ mir dann den Lebensverlauf eines Hard-Core-Trinkers, der mehrere Flaschen hochprozentigen Stoff braucht, um seine Kindheit zu verdrängen, schildern. Ich riet ihm dringlichst zu einer Psycho-Therapie. Um seine Flucht vor Erinnerungen und damit aufkommenden schmerzhaften Gefühlen beenden zu können.In der direkten Konfrontation. Dem Feind ins Auge sehen. Meine Bekehrungsarbeit wurde jäh beendet durch einen älteren Trinker, der sich sichtlich aufgegeben hatte und zu einer derartigen persönlichen Höchstleistung weder den Mut, noch die Energie hätte. Weil ich vielleicht doch Recht haben könnte, bekam er Angst und argumentierte abwehrend aggressiv und inhaltlos auf mich ein. Damit ich die Fresse halte. Was ich auch tat. Ich hatte nämlich Angst vor ihm.Er sah aus wie der Typ, der zuschlägt, Schlussakkorde setzt. Und das war mir das Schicksal des anderen nicht wert. Da mir so merkwürdig mulmig und blümerant zumute war, nahm ich am Blutdruck-und Pulsmessen teil. In mir drin hüpfte und schwankte alles. Mir wurde bestätigt, das mein Puls ständig aussetzt. Und zwar in bedenklich langen Pausen. Ich solle möglichst schnell einen Internisten oder Kardiologen aufsuchen. Sofort fühlte ich mich in Todesnähe. Ich verkündete, daß ich nun in 7 Stunden sterben werde, was mir irgendwie zeitrichtig vorkam, und so fügte ich mich in mein Schicksal und ließ die 3 Phasen von Nichtannehmen können, Aggression und Depression aus und war sofort friedlich und einsichtig milde. Ich überlegte laut, was etwas unterhaltenden Themenwechsel in den Raum brachte, wie ich denn meine letzten Stunden verbringen könnte. Es fiel mir nichts Spektakuläres oder auch nur Sinnvolles ein. Wenn einem schlecht und elend ist, dann wird der Akt des Sterbens durchaus profan. Keine großartigen Videoaufzeichnungen herzzereissender kluger Worte, kein letztes Porträ* meiner selbst, ehe ich in die Ewigkeit verschwinde, nein, ich plante fenrsehgucken. In gemütlicher Liegehaltung unter einer kuscheligen Acryldecke. So verabschiedete ich mich final von allen im Raume und schaffte es somit, als betroffenste und krankeste Person diesen zu velassen. Ich brauche kein Suchtproblem. 

Ich gehe ohne Betäubung zum Sterben nach Hause. Aufrecht und gefasst. Ich fühlte mich super. Autark. Einfach Spitze. Zu Hause legte ich mich sofort vor das TV und nutzte die erste Werbepause, um Essen in den Backofen zu schieben, abgelaufenes aber noch gut aussehendes italienisches Ciabatta-Brot. Wo ich doch in wenigen Stunden sterben werde ist das nun egal, man kann dann alles essen. Vor der Hinrichtung kein Rinderfilet haben zu wollen, wegen der nun weltweiten BSE-Krise, wäre übertriebene Gesundheitspflege. Ich gönnte mir Feta-Käse dazu, 45% Fettgehalt, zusammen mit leider kalorienlosen Tomaten im Backofen gebacken, in einer schön aussehenden Keramikkasserolle, die ich bis dahin mied, weil ich sie für bedenklich hielt, während der Erhitzung Giftstoffe frei-zusetzen.Das war mir nun egal.Dazu aß ich phantastisch gut marinierte Oliven. Vom Italiener. Nicht aus dem LIDL-Discount. Es war ganz große Klasse. 

Abends vor dem TV. Sterben kann echt gut sein. Wenn man sich nicht selbst unter Druck setzt. Leistungsmässig. Was ich nicht tat. Solange meine Dinge ungeregelt sind, wird man auch an mich denken.. Der gutorganisierte Mensch ist direkt tot. Und bei Künstlern gilt dann das Werk, die Biografie wird entstellt, um Idole zu erschaffen, und dann ist man noch toter. Total tot. In urgemütlicher Sattheit guckte ich nun,was kam. War nichts Tolles. Notprogramm. Ein Film über eine romantische Liebesbeziehung. Ein witziger Höhepunkt sollte sein, wo die angebetete Frau in der Badewanne liegt, in Schaum gehüllt, und der sie anbetende Mann schwingt sich in voller Montur einschliesslich Mantel,dazu, um sie zu küssen, weil sie seinen Heiratsantrag angenommen hat, was mich nun immer wieder verblüfft, warum Menschen es anscheinend witzig finden, in Mänteln und Schuhen und allem darunter in eine volle Badewanne zu gehen. Das ist, meiner Meinung nach, nicht komisch. Es ist unbequem, macht Arbeit, hinterher, und versaut die Klamotten. Und das Badewasser. Ich habe auch bei Uwe Bartschel nicht gelacht. Nun gut. Jedenfalls stürzt der Mann Monate später mit einem kleinen Flugzeug ab, auf dem Weg zur Arbeit. Er war Wasserprüfer. Tatsächlich. Und zog auch in Erwägung, später damit zu handeln, wenn es als Rohstoff für alle knapp werden wird. Und nun liegt er stattdessen im Koma. Alle sind ganz traurig. Und die nun Ehefrau hochschwanger. Sie lässt die medizinische Versorgung alsbald abbrechen, weil es sinnlos ist. Der Körper ist zu zerstört, um weiterleben zu können. So lebt sie denn nun nach einem Zeitsprung mit ihrem Kind zusammen. Als erfolgreiche Designerin. Ein anderer Mann taucht in ihrem Leben auf. Der das Herz ihres toten Mannes transplantiert bekommen hatte, was sie aber nicht wußte. Er selbst hatte den Spender anhand der Daten in einer Tosdesanzeige ausfindig gemacht und wollte sich nun bedanken. Und verliebt sich stattdessen in die Witwe seines Herzgebers.Er schenkt der Hinterbliebenen eine große Summe Geld, das er beim Glücksspiel gewonnen hat. Er hat ansonsten ein eigenes Haus mit Garten und Hollywood-Schaukel und eine geistig schwer behinderte Schwester und scheinbar weder Freunde noch Verwandtschaft.Er trifft dann später die Frau, in ihrer Rolle als Designerin unterwegs, auf dem Flughafen, sie verreist nach Littauen. Und er denn spontan auch.Die Produktion der Kollektion ist in Littauen billiger. Und besser. In einer littauischen Fabrik steht eine Armee graugekleideter und hochdisziplinierter Näherinnen Spalier und präsentieren die bis dahin erledigte Arbeit.Es geht drum, klarzustellen, daß es sich hier nicht um den billigeren Auslandsstandort handelt, der zuhause die Menschen arbeitslos macht, sondern um die ungewöhnliche Nähqualität, von der der Konsument profitiert. Und littauische Näherinnen tun das nun eben mehr aus Gefälligkeit als um durch Arbeit besser leben zu können.

Nun wäre alles ganz wunderschön geworden, hätte nicht der Mops des schwulen Modedesigners an der Seite der Geschäftsführerin das Hotel in Brand gesetzt, als er eine Stoffmopsimitation von einer Kommode zerrte, die die netten littauischen Näherinnen eigens für ihn angefertigt hatten, und der schwule Modedesigner ging aus, um sich in einem Darkroom zu verlustieren und hatte vergessen, eine Kerze zu löschen. Nun also brannte das Hotel. Und der Herzgespendete sass in einer Bar und wartete auf die Frau, mit der er dort verabredet war und die nicht kommt. Er rennt ins Hotel und rettet sie. Danach lädt er sie, wieder in Deutschland zurück, zu sich nach Hause ein. Die behinderte Schwester ist auch da und macht jede Menge Stress. Eklige Sachen . Z.B. den Teppich mit heruntergefallenen, vorher genüsslich mit Unrat dick belegten Broten verschmierte, und er reinigte das, erwartete aber gleichzeitig die Frau, die er eingeladen hatte, und war ganz aufgeregt, und hätte gerne das Ausmass der Belastung durch die Schwester verniedlicht, um die Frau nicht zu verlieren, und grade als er auf allen Vieren in der ekligen Matsche hockt, da klingelt es an der Haustüre. Woraufhin er einen Herzanfall erleidet.Er hatte da vorher schon Probleme. Er kommt in ein Krankenhaus und stösst das fremde Herz ab, das mittlerweile blockierend zwischen der sich anbahnenden Beziehung stand, da die Frau nicht wußte, ob sie denn nun den Mann liebt oder aber das Herz ihres Exmannes in dessen Brust.Die behandelnden Ärzte sagen nun der Frau, daß sie sich verabschieden müsse. Es könne nichts mehr getan werden. Nun ist die behinderte Schwester noch im Haus des Mannes. Ganz alleine. Die Frau fährt hin und entdeckt die verängstigte Schwester auf deren Lieblingsplatz auf dem Dach des hauses im Schutze einer Schornsteinnische. Bei dem Versuch, sie dort wegzulocken, verfällt sie in Panik und stürtzt ab. Schwerstverletzt wird sie in die gleiche Klinik eingeliefert, in der grade ihr Bruder stirbt.

Zeitsprung. Der nächste Geburtstag der Frau. Es klingelt an ihrer Türe. Überraschung. Der gut aussehende Mann, der das Herz seiner Schwester transplantiert bekommen hat und erst mal abwarten wollte, wie er das verträgt. Nun steht nichts mehr zwischen ihnen. Weder das Herz ihres toten Mannes, noch die behinderte Schwester. Nach der glücklichen Wende in diesem Film sehe ich mir noch ein Illustrierten-Magazin an. Ein ebenfalls herztransplantierter Mann soll sagen, wie lange sein Herz noch funktionieren wird, das weiß er aber nicht. Dann wird ein Beittrag gezeigt über eine junge Familie mit herzkrankem Kind. Das auf der Spenderliste steht. Und warten muß. Es wird dringlichst um eine passende Kinderherzspende gebeten. Das Kind ist derart süß und charmant mit seinen 2 Jahren, das es einem leicht fallen würde, das eigene Balg ins Koma zu knüppeln, um dieser Familie zu helfen. Den Auftritt einer AIDS-kranken Frau , die nun schon 11mal in der Sendung war und immer noch lebt, kriege ich leider nicht mehr ganz mit, da ich anfange, meine eigene Todesstunde zu verschlafen. Und irgendwie habe ich diese sogar überlebt. Kein Wunder. Bei so vielen Beispielen.

 

*Schreibweise der Autorin (Anm. d.Red.)