Wozu Bedürfnisse in der Marktwirtschaft taugen


H.J.Tauchert

 

Will man eine vernünftige Wirtschaft auf die Beine stellen, dann wird zuerst - Computer tun da gute Dienste - der Bedarf ermittelt, um dann das Gewollte arbeitsteilig, mit so wenig Arbeitsmühen wie möglich zu produzieren. Was am dringendsten verlangt wird, wie Nahrungsmittel, Kleidung und Wohnen, kommt zuerst dran, Swimmingpools später.

 

Die planmäßig hergestellten Produkte werden nach Bedarf verteilt, so dass jeder ohne Geld bekommt, was er braucht. Die kaum noch zu steigernde Arbeitsproduktivität wäre endlich dazu da, weniger zu arbeiten, um die Versorgung aller, auch der Kranken und Alten sicherzustellen und nicht um die Konkurrenz zu besiegen.

Der Zweck dieser Wirtschaft besteht darin Bedürfnisse mit erstklassigen Gebrauchsgütern, strikt zu befriedigen. Weil das die Grundlage für ein angenehmes und erfülltes Leben ausmacht. Was wäre daran unvernünftig? Jedoch verträgt sich das nicht mit den Zwecken, die unter dem Namen Marktwirtschaft oder Kapitalismus weltweite Durchsetzung erlangten und über die die Meinung vorherrscht, das beste und vernünftigste zu sein, was die Menschheit je hervorbrachte. Bei aller Bewunderung für dieses System steht aber auch fest, daß die Marktwirtschaft zwar über die Mittel für eine ausreichende Nah-rungsmittelversorgung für alle verfügt, aber zahllose Hungernde produziert und hartnäckig ihrem wachsendem Elend überlässt. Wie passt das zusammen?

Die Antwort liegt in der Eigenart, wie Bedürfnisse im Kapitalismus vorkommen. Sie stehen alle unter dem Vorbehalt, daß sie Geld ein bringen müssen. Ausnahmslos - anders gibt es Marktwirtschaft nicht - sind nur zahlungsfähige Bedürfnisse erlaubt. Mit dem Diktat „Geld zuerst" geraten alle Bedürfnisse unter die Herrschaft des Geldes und damit die Bedürfnisse der meisten unter die Räder.

 

So gelangen eine Masse preiswerter Bodenschätze aus Afrika in die Industrieländer, aber umgekehrt gelangen kaum Aidsmedikamente nach Afrika, wo sie dringend benötigt würden. Der Markt verhindert das. Güter - das ist ihre Bestimmung - gelangen nur dorthin, wo sie bezahlt werden, aber keinesfalls dorthin, wo sie gebraucht werden. Bereicherung konkurrierender Unternehmen, nicht Versorgung ist Sache des Marktes. Das kann man als Gemeinheit bezeichnen und besonders in Anbetracht von 7 Millionen jährlich verhungernden Kindern (Unicef zählt nach) moralisch verurteilen, aber das Elend mit Hilfe der verehrten Marktwirtschaft beseitigen zu wollen, die massenweise Armut und ungeheuren Reichtum hervorbringt, dass klappt unter gar keinen Umständen.

Arme bedeuten eine Belastung, weil sie Geld kosten, aber keines einbringen. Ihre Überflüssigkeit soll man sich nicht als Resultat marktwirtschaftlicher Kalkulationen denken, sondern als Folge natürlicher Überbevölkerung (selber schuld) akzeptieren.

Ohne Marktwirtschaft mit ihrem endlos zeitraubendem Kaufen und Verkaufen abzuschaffen, kann auch der Hunger nicht abgeschafft werden. Aber lieber werden Spendenaufrufe gestartet, Weltkongresse gegen Armut veranstaltet. In Reden unterstreichen Politiker gerne, wie sehr sie sich bemühen. Durch Sachzwänge, die sie selbst in Kraft setzen, seien ihnen leider die Hände gebunden. Sie sind nicht bereit einzugestehen, was sichtbar auf der Hand liegt, und auch vom Spendenwesen bestätigt wird: ohne Zahlungsfähigkeit kann keinem hungerndem Kind geholfen werden, denn auch am Elend muß verdient werden. Armut zu beseitigen, hieße zahlungsunfähige Bedürfnisse zu befriedigen, eine Aufgabe, die in der Marktwirtschaft nirgends vorkommt.

Daran wird auch konsequent festgehalten, wenn periodisch mehr produziert, als verkauft werden kann, eine normale Erscheinung im Kapitalismus. In der Krise findet kein Wachstum statt. Kapital kann sich nicht verwerten. Die üblichen Einzelfälle, als Pleite geläufig, verallgemeinern sich zur Krise. Erst das - also, wenn der Markt nicht so funktioniert, wie er soll - stellt eine Katastrophe dar. Dann gebietet auch hier marktwirtschaftliche Vernunft nichts zu verschenken, was noch gebraucht, aber nicht bezahlt werden kann, sondern den Markt vor störenden Überschüssen zu bereinigen, und zwar durch einen irren Rachefeldzug gegen alles, was sich für die Verwertung als untauglich erwies. Waren und ihre Produktionsanlagen, brauchbare und nützliche Sachen werden - weil nicht rentabel - vernichtet und Lohnarbeiter entlassen, solange, bis auf niedrigem Niveau alles wieder von vorne losgeht, denn jetzt sind Geschäfte wieder möglich, der Markt ist „sauber".

Dagegen helfen keine gutgemeinten Ratschläge, die bloß eine Reparatur oder Reform, also ein besseres Funktionieren von Kapitalismus zum Ziel haben, wie Steuern auf das Vermögen der Reichen, Steuern auf Devisenspekulationen (Tobinsteuer, eine Forderung von Attac), Umweltschutz, Verbrau-cherschutz, Menschenrechte, Tierrechte oder Schuldenerlasse, solange gilt: nur zahlungsfähige Bedürfnisse sind zugelassen. Für die Gesetze der Marktwirtschaft darf und muß gehungert werden. Hunger bedeutet für die Marktwirtschaft höchstens ein Ordnungsproblem aber keine Katastrophe, die nur die Opfer nicht überleben. Was die Täter und andere als Zeichen von Stabilität bewundern. Einigen wenigen geht es prächtig dabei. Kein Wunder, wenn sie Kapitalismus verhimmeln.

Bedürfnisse - das Wort „dürfen" deutet auf eine lange Tradition der Unterwürfigkeit - erweisen sich im Kapitalismus als Schwäche, die es in Form einer legalen Erpressung auszunutzen gilt. „Geld her oder du kriegst nichts". Um ein Brötchen zum Beispiel essen zu können, muß jeder vorher an Geld gekommen sein. Die Nachfrage nach einem Brötchen verlangt die ganz andere Befriedigung eines elementaren, aber künstlichen, fremden Bedürfnisses Vorrang zu geben: Das Bedürfnis des Brötchenverkäufers nach Geld zu bedienen oder zu verzichten. Bedürfnisse gibt es nur als Waren. Geld verschließt aber den Zugang zur Warenwelt (eine Wirkung des Eigentums) und öffnet sich nur dem, der Geld hat. Geld wird daher von allen gebraucht.

Jedem Erpressten bleibt nichts anderes übrig, um seiner Bedürfnisse willen, als der Erpressung Folge zu leisten. Er muß an das Geld kommen, das Andere haben. Also seinerseits jemanden finden, dessen Bedürfnisse er erpressen kann: etwas verkaufen was Andere brauchen. Was der Eine schon hat, aber der Andere erst noch haben will, ist Geld. Der Verkäufer will soviel Geld wie möglich, während der Käufer sowenig wie möglich hergeben will. Beide hängen voneinander ab, aber als Kontrahenten, so dass jedem Geschäft der zermürbende Streit um Geld anhaftet und es deshalb einer notwendigen staatlichen Aufsicht bedarf, um das Kaufen und Verkaufen einer geregelten Verfahrensweise (Verträge etc.)und Aufsicht zu unterstellen. Damit sind die der Legalität nicht entsprechenden kleinen und großen Betrügereien als solche erst definiert und damit mitproduziert. Der Aufwand lohnt sich trotzdem für den Staat, denn er betreut das Wachstum, das ihn ernährt. Ginge es um Bedürfnisbefriedigung, dann könnte man das einfacher haben, bloss wäre das kein Kapitalismus mehr. So aber brauchen Kaufen und Verkaufen als Voraussetzung eine durchgesetzte Eigentumsordnung mit einem Haufen komplizierter Gesetze, die das Eigentum schützen und die Eigentumsübertragung per Geld mit einem ausuferndem staatlichen Gewaltapparat absichern müssen. Alles Bedürfnisse, die dem Vorhandensein und Funktionieren von Geld geschuldet sind, und die allen anderen Bedürfnissen feindlich gegenüberstehen. Gelderwerb ist im Kapitalismus ein absoluter Zwang, der aber als ein lebenswichtiges Bedürfnis größte Anerkennung genießt. Weil ihn niemand direkt zu befehlen braucht, erweckt er den Anschein, gar kein Zwang zu sein, sondern eine Chance, die jeder bloss zu ergreifen braucht. Störungsfrei gehen so Generationen zugrunde, denen ihre Chance nichts nützte, weil ihr scheitern längst feststand.

Jeder Bedürftige darf sein Verlangen nach einem nützlichen Ding nur im Tausch gegen staatlich lizenzierte, bedruckte Papierzettel oder Metallstücke befriedigen. Tauschen und alles was damit zusammenhängt kostet enorm viel aufregende Zeit, aber niemand kommt darum herum. Jeder ist gezwungen sich nur durch Tauschen, das zu beschaffen, was er braucht. Wer das zum erstenmal erleben würde, käme wahrscheinlich nicht so leicht dahinter, worum es bei diesem Irrsinn eigentlich gehen soll. Aber für die Beteiligten gehört das zur Normalität, schließlich sind sie von Kindesbeinen an Kaufen und Verkaufen gewöhnt und praktizieren das zigmal täglich, froh darüber, dass es Geld gibt.

Dabei bedarf der Tausch auch noch der Erlaubnis. Wer die nicht hat, geht leer aus mit seinen Bedürfnissen. Und wer erteilt die Erlaubnis? Kein Individuum oder eine Institution, dass würde jeder sofort als schlimme Abhängigkeit durchschauen, sondern niemand anderes als die Papierzettel selber. Ihre Funktionen als Kaufmittel, Wertmesser und Zahlungsmittel kommt mit der Gewalt des Staates, die per Recht verordnete ungeheure Macht zu, über Bedürfnisse zu entscheiden. Immerhin eine starke Zumutung, sich von einem Stück Papier sagen lassen zu müssen, an was und an wieviel man herankommen darf. Du darfst ein Brötchen essen, aber nur unter der Bedingung, daß dir genügend Metallstücke zur Verfügung stehen, deren Menge unvorhersehbar mal 0,10 mal 0,30 oder vielleicht auch mal 100 Euro sein kann. Sonst gibt es nichts, auch wenn noch so viele Brötchen die Regale füllen und hinterher vergammeln. Ein guter Grund für die Marktwirtschaft überall Gewalt bereitzustellen, was das Leben in ihr so gemütlich macht.

 

Die Massen, die kein Eigentum in Form von Geld besitzen, sind besonders leicht erpress-bar, denn der Mangel an Geld zieht im Kapitalismus harte Strafen nach sich: Wer nicht unter der Brücke vegetieren oder bei Sozialhilfe verarmen will, dem steht als einzige legale Alternative nur lebenslange Lohnarbeit offen, die sicherstellt, daß der Lohnarbeiter nie mehr, oft eher weniger Geld erhält, als zu seinem Erhalt unbedingt nötig ist, d.h. er bleibt Lohnarbeiter sein Leben lang. Seine Einkommensquelle, der Verkauf seiner Arbeitskraft - das einzige für ihn Verkaufbare - bleibt außerdem unsicher, weil die privat produzierenden Unternehmer nur solange und so wenig wie möglich Lohn zahen, wie sie damit ihr schon vorhandenes Vermögen vergrößern können. Ihr Bedürfnis ist nicht nur eines nach Geld, sondern nach mehr Geld. Was ihnen eine überlegene Position gegenüber ihren Dienstkräften verschafft. Unternehmer sorgen dafür und sollen es auch, daß nur rentable Arbeit oder gar keine stattfindet, nur Arbeit, die sie bereichert oder Arbeitslosigkeit, wenn nicht. Weil nur das dem Wachstum dient. So kommt zwangsläufig auf der einen Seite Armut und auf der anderen Seite wachsender Reichtum zustande, ein Gegensatz, der gerne in das beliebte Bild einer Schere übersetzt wird, die nicht zu weit auseinandergehen darf, damit der Gegensatz bestehen bleibt.